Leser von John Grisham wissen in der Regel, was sie erwartet: spannende Thriller mit Juristen, Intrigen und Gerichtsverfahren, wie in „Die Jury“ oder „Die Firma“. Doch der Autor ist nicht auf dieses Genre beschränkt, auch wenn er nicht ganz davon loskommt.
In seinem neuen Roman „Die Legende“ kombiniert Grisham juristische Auseinandersetzungen und einen Prozess mit einem tiefergehenden Thema: der Gerechtigkeit für die letzte Nachfahrin von Sklaven auf einer geheimnisvollen kleinen Insel und den Verbrechen, die an schwarzen Menschen begangen wurden. Im Mittelpunkt der Geschichte steht eine starke und würdevolle Figur: eine alte Frau namens Lovely Jackson.
Rückkehr nach Camino Island
Mit „Die Legende“ kehrt John Grisham zurück nach Camino Island und zur Buchhandlung Bay Books, wo Buchhändler Bruce Cable einer jungen Autorin von Lovely Jackson erzählt. Jackson ist die letzte Nachfahrin einer Gruppe geflüchteter Sklaven, die vor Jahrhunderten auf Dark Isle, einer nahegelegenen Insel vor Floridas Küste, Zuflucht fanden. Diese Insel möchte ein skrupelloser Bauunternehmer für ein neues Kasino und Hotels ausbeuten.
Lovely Jackson möchte dies verhindern und verfasst ein wenig beachtetes Buch über die tragische Geschichte ihrer Vorfahren und einen Fluch, der dazu führt, dass weiße Männer auf der Insel sterben. Sie stellt sich dem Bauunternehmen entgegen, um die Wildnis, die Überreste der alten Siedlung und den Friedhof ihrer Ahnen zu schützen, unterstützt von Bruce Cable und der Autorin Mercer Mann, die ein Buch über die dunkle Geschichte der Insel schreiben will. Schon bald gibt es die ersten Toten.
Ein unkonventioneller Thriller
Dennoch kann „Die Legende“ nicht als typischer Thriller betrachtet werden. Dies liegt insbesondere an der Erzählweise des Autors, der Rückblenden sowie Auszüge aus Lovely Jacksons Buch verwendet, um die Geschichte der verschleppten und gequälten Menschen auf der Insel zu beleuchten. Diese Erzählweise ermöglicht eine ruhigere Erzählung, während die juristische Auseinandersetzung für Tempo sorgt, in der Grisham sein Können unter Beweis stellt. Die Einführung eines Anwalts als Hauptfigur lässt den Kampf um die Insel vor Gericht fast selbstverständlich erscheinen und erlaubt es Grisham, auch die Welt der Schriftstellerei zu thematisieren.
Obwohl „Die Legende“ nicht dem typischen Grisham-Stil entspricht, bleibt die Spannung erhalten. Auch in den bisherigen Romanen, die in Camino Island spielen, hat der Autor die Freiheit genutzt, Geschichten zu erzählen, die nicht dem gewohnten Muster folgen. Dabei wird immer wieder der moralische Aspekt angesprochen.
Grisham beweist, dass er mehr als nur ein Thriller-Autor ist; er ist ein wahrer Erzähler. Auch wenn seinem Stil manchmal eine gewisse Trockenheit anhaftet, zeigt er gleichzeitig, wie viel er zu erzählen hat. Dies führt dazu, dass seine Protagonistin Mercer, eine Universitätsdozentin, ihren Studenten fast ironisch rät: Ein Buch sollte nicht zu lang sein.